Kleine Kulturgeschichte der Naturfarben

von Daniel Rohrbach

Farbige Erden

ockerpigmente
Kulturgeschichte ist immer auch Farbengeschichte. Die Geschichte des menschlichen Ausdrucks beginnt mit Naturfarben. Sei es bei der Körperbemalung, bei der Darstellung von Jagdobjekten oder sei es bei der Bestattung von Verstorbenen: mit bunten Erdfarben und Kohlestücken setzt der frühe Mensch seine ersten Symbole und Zeichen. Mit nur 3-4 Farbtönen entstehen vor mehr als 30.000 Jahren faszinierende Kunstwerke, die bis heute erhalten geblieben sind. Erdfarben begleiten auch das Wohnen und Bauen und sind bis heute Teil einer lebendigen Tradition. Bei einigen Naturvölkern kann auch heute noch der alltägliche Einsatz von Naturfarben miterlebt werden.

Farbige Halbedelsteine

bunte Halbedelsteine
Mit bunten Halbedelsteinen - geschliffen oder vermahlen - wird die Farbenpalette in der Vorzeit bunter und kostbarer. In den frühen Hochkulturen manifestiert sich ein Streben, die beschränkte Auswahl auf der Farbpalette zu erweitern und neue bunte Farbtöne zu schaffen. Farben werden zu begehrten Gütern, die nun über lange Handelstrassen reisen.
Ihr Besitz bedeutet Macht und Prestige. Bestimmte Herrscherschichten und Führer nehmen sogar einzelne Farben in Besitz und nutzen Farben um sich abzugrenzen. Ein Lapislazuli-Stein ist z.B. das Privileg des Pharao. Mit Experimentierfreude und vielleicht auch durch Zufall entstehen auch erste künstliche Farbschöpfungen. Mit Erzen und Chemikalien aus der Natur werden gezielt erste künstliche Farbpigmente geschaffen. Farben aus natürlichen Rohstoffen bleiben aber über Jahrtausende vorherrschend. Gewisse Errungenschaften der „Farbenbranche“ geraten sogar wieder in Vergessenheit und werden erst in der Neuzeit wiederentdeckt.

Farbige Pflanzen

Färbende Blätter, Wurzeln und Beeren bringen früh neue Farbtöne ins gesellschaftliche Leben. Mit der farbigen Bekleidung ziehen auch Pflanzenfarben ins Haus und in den Palast. Doch die Sensibilität der Pflanzenfarben und der enorme Aufwand beim Herstellen machen auch diese Naturfarben zu Kostbarkeiten. Beschränkung weckt immer auch Begehrlichkeiten. Soziale Schichtung erfolgt immer schon durch Farben. Profit, Luxus, Gier und Grausamkeit manifestiert sich nicht selten in mit Farben. Es entstehen schon in der Antike spezialisierte Gruppen von Farbenherstellern und bald einmal auch eine „Zunft“ der Farben-Fälscher. Mit der Entdeckung ergiebiger Färberpflanzen und Hölzer entsteht im Mittelalter mit der Färberei ein bedeutender wirtschaftlicher Aufschwung in Europa In Folge der Erfindung synthetischer Färbemitteln im 19. Jahrhundert erleben die Naturfarben-Hersteller jedoch einen radikalen Zusammenbruch, von dem sie sich nie mehr erholen.

Farbige Tiere

Auch Tiere werden als Färbemittel in frühen Hochkulturen verwendet – vor allem als Färbemittel im Textilbereich. Purpurschnecke, Cochenille- und Kermes-Läuse bringen eine nie gesehene Farbenpracht in die Herrscherhäuser. Neben Gold und Silber gehören Tierfarben damals zu den begehrtesten Handelgütern aus der neuen Welt.
Die Ausbeutung der Natur kennt zeitweise keine Grenzen. Alles kann zur „Droge“ werden – auch Farben. So entsteht aus dem Handel mit „trockenen“ Farben schliesslich der Beruf des Drogisten. Selbst zu Beginn des 20. Jahrhundert noch lieferten indische Kühe unter Qualen Farben. Mangoblätter als Futter der indischen Kühe ergab das Indischgelb, das aus dem farbstoffhaltigen Urin gewonnen wurde.

„Farbige“ Menschen

Mumie RamsesII
Selbst Menschen stehen auf der kuriosen Liste der „Farbenlieferanten“. Zeitweise wird aus einbalsamierten ägyptischen Mumien ein brauner Teer-Farbstoff für die Malerei gewonnen.
Bild: RamesII; Quelle: www.aegypteninfo.de


Farbenrevolution mit Folgen

Pigmente
Die chemische Industrie beginnt ihre Blütezeit im 19. Jahrhundert mit der Entwicklung von künstlichen Farben. Das Erdöl und seine Derivate erlaubt eine markant billigere Herstellung von synthetischen Pigmenten. Naturfarben können mit der wirtschaftlichen Entwicklung nicht mehr Schritt halten und verschwinden in der Bedeutungslosigkeit. Eine noch nie da gewesene Buntheit zieht in die moderne Welt der Menschen ein. Standardisierte Farbpigmente bringen technologisch tatsächlich viele Vorteile – aber auch gefährliche Nachteile. Gewisse Erfindungen erweisen sich aber als besonders gefährlich für Mensch und Umwelt und müssen schon bald wieder verboten werden. Viele Bilder in Museen und farbige Wohnräume werden zu wahren Giftkisten und hinterlassen nachweisbare Folgeschäden bei den MalerInnen.
Farben kennen plötzlich keine Grenzen mehr – nicht nur geographisch. Farben werden nun für alle erschwinglich und jederzeit einsetzbar. Bestimmte Gesellschaftsschichten, die sich vorher durch bestimmte Farben abgrenzen konnten, werden ihrer sozialen Abschottungsmöglichkeit beraubt. Eine Demokratisierung blüht neu in Farbe(n).

Vorteile von Naturfarben wieder entdecken

Wer tiefer in die Welt der synthetischen Farben schaut, erlebt oft eine gähnende Langeweile und eine knallige Farbenplattheit. Künstliche Pigmente sind herstellungsbedingt gleichförmig. Das ist die Kehrseite der industriellen Produktion. Nichts kann organische oder anorganische Naturfarben in ihrer Lebendigkeit und besonderen Ausstrahlungskraft ersetzen.
Selbst wenn die chemischen Formeln für ein bestimmtes Pigment gleich sein mögen, die Wirkung ist mit einer Naturfarbe nicht zu vergleichen. Ein Blick ins Mikroskop schafft hier letzte Klarheit. Ein Naturpigment gibt dem Licht mehr Entfaltungsmöglichkeiten und reflektierende Dynamik. Gewisse Pflanzenfarben tragen sogar Komponenten aus dem Komplementärfarbenbereich mit sich und wirken auf das menschliche Auge in unnachahmlicher Weise. Eine besonders lebendige Farbigkeit strahlt aus den Pflanzenfarben in Verbindung mit der Lasurtechnik. Mineralische Naturfarben (z.B. Lapislazuli-Blau) blitzen wie „Sternenhimmel“ durch ihre unregelmässigen kristallinen Strukturen.
Bild: Lapislazuli

Naturfarben – die Zukunft liegt in der Vergangenheit

Wichtig im Umgang mit Naturfarben ist das Kennenlernen dieser subtilen Wirkungsweisen beim Herstellen von Farben, Gestalten von Farbflächen und Farbkombinationen. Wer einmal die vielen Schritte einer Farbenherstellung miterlebt hat, betrachtet alle Farben aus einem neuen Blickwinkel. Naturfarben-Herstellung hat hier einen besonderen Reiz.
Sowohl ökologische Fragen wie auch farbgestalterische Aspekte verlangen ein Nachdenken über den grundlegenden Einsatz von Farben. Auch wenn nicht alle Naturfarben unbedenklich sind, ist der Einsatz von umweltverträglichen Farben ein wichtiges Postulat an die Zukunft.
Die sinnvolle Verbindung bewährter Traditionen und neuer Technologien im Farbenbereich ist sinnvoll und wünschenswert. Auch für das Auge wäre wieder eine neue (bewusste) Farbenwahl angesagt – besonders im Therapiebereich. Bewusste Farbplanung und Gestaltung muss wieder vermehrt im Einklang mit der Natur gesucht werden. Die immense Farbenfülle der Gegenwart zeigt Schattenseiten. Sinnesüberreizung ist ein neu geschaffenes Problem grosstädtischer Zivilisation und ist in ihren Auswirkungen sichtbar.
Auch als Mensch bleiben wir ein Teil der natürlichen Schöpfung und müssen uns in Respekt und neuer Beschränkung mit Farben üben. Das in der Natur und ihren Farben innewohnende „Harmoniestreben“ bietet sich hier für die Zukunft als sinnvollen Lösungsweg an.

Dieser Betrag wurde von Daniel Rorbach zur Verfügung gestellt. Daniel Rorbach lebt in der Schweiz und veranstaltet Farbseminare und Farbreisen um Farben mit allen Sinnen zu erleben, z. B. " Die Farben der Provence - Ockergruben und Lavendelfelder " Kursthema: Erdfarben suchen und selber herstellen


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